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Caro Josée

Caro Josée

Geradeaus ist nicht immer der kürzeste Weg“ – so hat ein Biograf notiert, wie er Caro Josée Mizerski sieht. Ein Weg, der die zierliche Hamburger Sängerin in den 70er- und 80er-Jahren von „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ über Platten, Zeitschriften-Cover, in Studios nach London und Kalifornien geführt hat. Ein Weg mit Fußangeln und Fallgruben. Dem Musikbusiness hat sie später zeitweise den Rücken gekehrt, hat eine Familie gegründet, Kinder großgezogen. Und ist jetzt angekommen am „Turning Point“ – so hat sie ihre aktuelle und hochgelobte CD getauft.

„Turning Point“, erschienen bei Skip Records, ist eine jener Jazz-CDs, die klingen, als seien sie immer da gewesen. Wunderbare Songs, die sich anhören, als hätten sie einen das halbe Leben lang durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Musik, die sich aus den Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Lebens auf der Achterbahn speist.

Zur Welt gekommen ist „Caro Josée“ – so ihr Künstlername – 1958 in Gießen als José Caro Tollenaar, Tochter eines holländischen Kriegsgefangenen und Dolmetschers, der nach dem Krieg eine deutsche Finanzbeamtin heiratete. „Mein Vater spielte in Klubs Banjo und Akkordeon, durch ihn kam die Musik in unsere Wohnung, hier wurde geprobt – von den Musikern kannte man oft nur den Vornamen.“ Der Titel „It’s impossible“ auf ihrer CD ist eine Hommage an den Vater und an seine Musik. Umgeben von Tönen stand für sie bald fest: Sie würde Sängerin werden.

Sie hat sich ihre unverstellte, fast naive Stimme bis heute bewahrt. Ihr Konservatorium war das Radio – zum Beispiel bei ihrer 18 Jahre älteren Halbschwester in Archer City/Texas. Die bewirtschaftete eine Ranch, „aber ließ mich nie zu den hübschen Cowboys“. Caro, wenn sie sich langweilte, hörte stundenlang Radio; so wurden Patsy Cline, Ray Charles, die Eagles, Little Feat oder Van Morrison ihre Lehrer. Und sie saß mit ihrer Gitarre auf einem Zaun und schrieb erste eigene Songs.

Zurück in Gießen der nächste Ausbruch: Die Hamburger Skiffle-Band Leinemann spielte in Gießen, Caro blieb abends ein bisschen länger, hat wohl auch gesungen, kam mit Lonzo, dem Teufelsgeiger, ins Gespräch. Der sagte: „Wenn du was werden willst, musst du nach Hamburg.“ Sie fuhr gleich mit.

Wohnte über dem Zwick bei den Leinemanns, kellnerte im Nach Acht und war da, wo die Musik spielte: im Logo, im Pö. Bald sang die Elfe mit der bemerkenswerten Stimme in der Hausband des Pö, unter anderem mit Peter Urban und Abi Wallenstein. Und jammte mit den Großen, die dort auftraten. Ein Talent wie Caro blieb nicht lange unbemerkt. Bald gab es einen Plattenvertrag, die Produktion bekam den Deutschen Schallplattenpreis, Caro, kaum 20, kam mit Sängerinnen wie Jutta Weinhold, Inga Rumpf und Ulla Meinecke auf das „Stern“-Cover.

Die Platten verkauften sich, bald hatte sie nettere Wohnungen – und die Zumutungen des Musikbusiness am Hals. Man gab ihr auskömmliche Plattenverträge, wollte sie dafür aber in den Mainstream zurechtformatieren, sie sollte auf Deutsch singen („Hab ich nie gemacht!“), man tauschte Bandmitglieder aus, und sie sollte international mitspielen können. Sie zog nach Frankfurt – „Höchststrafe für jemanden aus Hamburg.“

Die Platte „The Boy Is Mine“, die in London aufgenommen wurde, war ihre letzte für die WEA. Sie bekam die Chance, sie in Los Angeles für den amerikanischen Markt zu justieren – doch der Produzent wurde als Betrüger in großem Stil einkassiert. Ihr Ausweg war eine Sackgasse. Treppenwitz: Irgendwie gelangten Exemplare der Platte doch auf den Markt – und sind heute echte Raritäten. So wie Caro auch schon in Japan CDs von sich entdeckt hat, ohne je einen Cent dafür bekommen zu haben.

Sie setzt neue Prioritäten. Geht wieder nach Hamburg. Der junge Mann mit den Rosen, der Nachmieter in ihrer Wohnung wurde und über den ihre Mutter auffällig anerkennend sprach, entpuppt sich als Jurastudent. Später wird er Anwalt, Urheberrecht, macht Verträge für Künstler. Er wird ihr Mann, Caro Tollenaar wird zu Caro Mizerski. Sie bekommen zwei Kinder, die heute 13 und 18 Jahre alt sind.

Musikerfreundschaften halten lange, Caro hat eine Menge davon. Sie schreibt neue Songs, 1995 und 2005 erscheinen CDs, unter eigener Regie.

Und nun der „Turning Point“, produziert von ihrem Gitarristen Martin Scheffler. Bis auf einen alle Titel selbst geschrieben. Zu Hause, am Klavier. Verwurzelt irgendwo zwischen New York und Paris. Über dem Bass von Thomas Biller erinnert die Trompete von Reiner Winterschladen in manchen Titeln verträumt an Miles Davis, anderswo die Gitarre von Manusch Weiss an Django Reinhardt. Zwei Streicher-Arrangements lassen an ganz großes Kino denken. Die Texte: Balladen, Alltagsdramen, melancholische Stimmungen, einfach nur ein Bouillabaisse-Rezept. Oder hübsche Fantasien, „meine kleinen blauen Gefühle“. Sie hat sich gefreut, als Musik-Experte Peter Urban fragte: „Sind das Songs aus den Vierzigern?“

Caro auf dem Cover, die Haare hochtoupiert, ein bisschen mondän, eine Frau, die viel erlebt hat. Sie probiert gern solche Rollen aus, näht sich auch extravagante Kleider. „Drama, große Gesten, Klamotten – das ist doch das Salz in der Suppe. Hamburg ist Understatement, weniger ist mehr. Nur manchmal ist es dann so wenig, dass alles ganz grau wird.“ Dagegen hilft Drama. „Ich bin keine Zicke, ich bin nur schwierig. Aber durch meinen Mann – genau das Gegenteil von mir – bin ich sehr ruhig geworden. Er hat mich gezähmt.“ In dem Song „Lawyers Wife“ hat sie ihrer nun schon 22 Jahre andauernden Ehe ein Denkmal gesetzt.

Bald will sie noch einmal losziehen, im September gibt es ein paar Konzerte „in der Schweiz und auf dem Weg dahin“. Auch in Hamburg will sie wieder auf die Bühne. Singen, Seelen berühren. „Weinen sollen die Leute bei meiner Musik“, sagt Caro. „Oder tanzen.“

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